Opterix

Die Kunst des wahren Lesens.

Tschick - auf der Suche nach dem Kick!

Tschick - Wolfgang Herrndorf

Zwei Teenies, die mit einem geklauten Wagen durch Deutschland düsen. Hört sich nicht nach der allerneuesten Geschichte an. Aber der Autor macht daraus ein erstklassiges Road-Movie in Buchform, das durch erfrischende Sprache und kreative Einfälle glänzt. Prämiert mit dem deutschen Jugendliteraturpreis 2010.

Hätte ich diese Buch unter ärztlicher Aufsicht gelesen, so wäre ich sicherlich immer mal wieder an eine Sauerstoffflasche angeschlossen worden. Diagnose: Zu wenig Sauerstoff wegen lustigem Lesestoff. Zusätzlich zu der Lustigkeit schwingt beim Lesen eine Melancholie mit, die das Werk zu etwas Besonderem macht. Denn die beiden Teenies "Maik" und "Tschick", die auf der Flucht vor dem Alltag mit dem Lada durch Deutschland düsen, sind eigentlich arme Wichte. Wäre die schwierigen Phase der Pubertät nicht schon genug für ihre geschundenen Seelen, müssen die beiden ihre Hormonschübe auch noch ohne große Unterstützung ihrer Familien bewältigen. Was dieses Buch für mich zu einem Volltreffer macht, ist die Kombination aus Lustigkeit und Melancholie und die Gabe des Autors Jugendsprache und jugendliche Naivität der Protagonisten glaubwürdig in Worte zu fassen. Diese Leichtigkeit der Sprache muss eine hartes Stück Arbeit gewesen sein! Von mir gibt es dafür 10 von 10 Sauerstoffflaschen.

Bruce - der Mann, der immer weiter spielt*

Bruce: Die Springsteen-Biografie - Peter Ames Carlin

Bruce Springsteen - seit Jahrzehnten nur noch "The Boss" genannt - hat ein bewegtes und erfolgreiches Leben hinter sich. Er wäre mit Anfang sechzig im besten Alter in Interviews mit dem Autor des Buches, viel Persönliches zu seiner Biographie "Bruce" beizutragen.

Ich liebe Biographien. Ich lese sie, weil es mich interessiert, zu erfahren, was extrem erfolgreiche Menschen antreibt. Das Buch macht schnell klar: Bruce Musik-Perfektionismus und seine Energie werden gespeist von der Suche nach Anerkennung. Er sucht am Anfang z.B. Anerkennung, die er von seinem Vater zu Hause nicht bekommt. Sein Vater hängt gleichgültig in der Küche ab und unterstützt seine Karriere nicht und erst als Bruce einen Oscar mit nach Hause bringt (bester Filmsong), leistet dieser Abbitte und meint, er werde seinem Sohn nie mehr sagen, was er tun oder nicht tun solle. Ich wünschte mir, in der "Bruce"-Biographie hätte der Autor mehr solche Dinge beleuchtet und wäre etwas weniger in die Analyse seiner Song-Lyrics verfallen (auch wenn Bruce ein begnadeter Textschreiber ist). In der Rückschau kann ich sagen: Ich hatte während des Lesens manchmal das Gefühl, dass "Bruce" in seinen Gesprächen mit dem Autor, diesen bei vielem im Unklaren gelassen hat. Auch wenn man Persönliches erfährt (die letzten 10% des Buches sind hier der stärkste Teil), bleibt die Motivation vieler seiner Lebensentscheidungen im Dunkeln.

Aber genug gemeckert. Das Buch hat zwar Längen, ist aber trotzdem spannend zu lesen. Und an einen schönen Satz wird sich sowohl der Leser als auch der Sänger lange und gerne erinnern. Als Bruce nämlich für Barack Obama anlässlich seiner Amtseinführung spielte, wandte sich der Präsident ans Publikum und meinte:   

"I am the President but he is THE BOSS."

7 von 10 Gitarrensaiten (auch wenn eine Gitarre eigentlich nur 6 hat)

 

* seine Konzerte dauern bis zu vier Stunden

Stürmische Zeiten - die ideale Literatur für die nächste Kreuzfahrt

Durch stürmische Zeiten: Roman (German Edition) - Lesley Pearse, Katharina Kramp

England war früher ein hartes Pflaster für Diebe. Wer im 18. Jahrhundert dabei erwischt wurde, wie er auf dem Markt eine Rübe klaute, bei dem hieß es vor Gericht: "Rübe ab". Die Hauptdarstellerin "Mary" in unserem Buch klaut nur eine "Rübenbedeckung" und wird dafür ebenfalls zum Tode verurteilt. Was für ein Glück für Mary, dass sie zu einer Zeit auf die schiefe Bahn geraten ist, in der es üblich war, Sträflinge als Ersatz für die Todesstrafe in Sträflingskolonien nach Australien zu verschiffen*. Doch auf dem Sträflingsschiff wünscht sich Mary schon sehr bald, man hätte mit ihr kurzen Prozess gemacht. In der heutigen Zeit, in der man mit einem Mausklick eine schöne Kreuzfahrt bucht, kann man sich nur schwer vorstellen, wie das damals auf den Sträflingsschiffen war. Natürlich gab es da kein Sonnendeck und auch keinen Swimmingpool. Der Autorin gelingt es sehr gut, die Schiffshölle von damals wieder aufleben zu lassen, denn sie beschreibt die Zustände und die Erlebnisse von Mary in lebendigen Farben und insbesondere Gerüchen. Das Buch ist durchgehend spannend geschrieben und ganz offensichtlich hat die Autorin viel Zeit in die Recherche für ihre Geschichte gesteckt. Das Ende ist kein Ende von der Stange. Es regt dazu an, noch mehr über das Thema erfahren zu wollen. Deswegen von mir

8 von 10 Seesterne

 

* geschah laut Wiki von 1788 bis 1854 ca. 134.000 Mal

Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt - der Flugangst Paroli bieten

Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt - Stephan Orth, Antje Blinda

In dem vorliegenden Buch berichten Flugreisende von ihren lustigen und luftigen Erlebnissen in Form von Anekdoten. Alle Reisenden haben gemeinsam, dass sie lebend am Ziel angekommen sind. Deswegen sei die Lektüre des Buches all denjenigen ans Herz gelegt, die an Flugangst leiden, denn es ist ein Buch der Hoffnung. Wer den harten Macker raushängen lassen will oder seine Sitznachbarn ärgern, der liest auf der nächsten Flugreise laut vor oder zeigt demonstrativ den Buchumschlag herum (echte Buchleser haben hier den E-Book-Lesern noch was voraus).

Hier noch meine Lieblingsanekdote: "Ein kleiner Flughafen in China in den achtziger Jahren: Das Flugzeug startet die Motoren, um vom Gate zur Startbahn zu rollen. Doch plötzlich schaltet der Kapitän die Triebwerke der Douglas DC-3 ab und macht die folgende Durchsage: "This plane ill! We take other plane!" ("Dieses Flugzeug krank! Wir nehmen anderes Flugzeug!") Sämtliche Passagiere müssen in eine andere DC-3 umsteigen. Wieder starten die Triebwerke, werden aber kurz darauf abgeschaltet, und der Kapitän meldet sich erneut: "This plane even more ill! We take first plane!" ("Dieses Flugzeug noch kränker! Wir nehmen erstes Flugzeug!")" Dieses Buch bekommt von mir

7 von 10 Flugkapitänssterne

Das finstere Tal - Wohnort finsterer Gestalten

Das finstere Tal - Thomas Willmann

Ein einsamer Wanderer und sein Maultier kommen in ein abgelegenes Dorf, das hoch in den Bergen liegt. Dort findet der Neuankömmling eine Bleibe und fröhnt - mißtrauisch beäugt von der lokalen Dorfgemeischaft - der Kunst des Malens. Es ist vollkommen unklar, woher der einsame Maler kommt und was ihn in dieses unwirtliche, abgelegene Dorf treibt, das im Winter durch Schnee und Eis von der Außenwelt abgeschnitten ist. Das ganze Buch über fragt man sich, wie lange die Dorfbewohner seine Anwesenheit tolerieren werden und ob die Malerei und der Umgang mit dem Pinsel das einzige Talent des eigentümlichen Fremden sind.

Die Geschichte lebt von einer lebendigen und gestochenen Erzählweise, die den Roman sprachlich einzigartig machen. Von Anfang bis Ende spürt man als Leser eine unterschwellige Bedrohung und wartet gespannt, wann das Dorf seine dunklen Geheimnisse preisgeben wird. Dieses Erstlingswerk ist atmosphärisch dicht wie ein Western von Sergio Leone. Wenn man beim Lesen in der Ferne eine Ziehharmonika spielen hört, dann spielt einem das Unterbewußtsein womöglich einen Streich.

8 von 10 Schneeflocken

Vom Verzehr wird nicht abgeraten - und vom Lesen?

Vom Verzehr wird abgeraten: Wie uns die Industrie mit Gesundheitsnahrung krank macht - Hans-Ulrich Grimm

Vom Lesen wird nicht ab- und nicht zugeraten. Das Thema wäre eigentlich ganz gut geeignet, um ein spannendes Werk abzuliefern. Aber irgendwie liest sich das vorliegende Buch wie ein zu schwach gesalzener Gemüsebrätling schmeckt ... etwas fad. Für alle Fastfoodanhänger kürze ich das Buch mal zu einer schnellen 5-Minuten-Mahlzeit:

1 Lebensmittel-Lobby und Wissenschaft sind eng miteinander verquickt. Man muss also nicht alles glauben, was schlaue Professoren von sich geben. Dahinter steckt allzu oft das Geld und der Einfluß großer Konzerne. Viele Professoren sind von der Industrie gesteuert.

2 Man weiß, dass man nichts weiß. Zu vielen Lebensmittelzusatzstoffen gibt es zahlreiche Studien, die zu unterschiedlichen Aussagen kommen. Selbst beim Zusatz von Vitaminen kann man sich nicht sicher sein, ob diese nicht sogar der Gesundheit schaden.

3 Am besten ißt, wer möglichst unverarbeitete Lebensmittel zu sich nimmt, die nicht aus dem Labor kommen. Also z.B. lieber die Butter statt die mit Hilfe des Chemiekastens zusammengemischte Margarine.

 

Fazit: Man sollte einen Bogen um die mit Gesundheits-Slogans beworbenen Nahrungsmittel machen ("So wertvoll wie ein kleines Steak", "Verstärkt die Abwehrkräfte") und sich an die Vorfahren aus der Steinzeit erinnern, die ihr Steak noch in natura und ohne die ganzen Lebensmittelzusätze zu sich genommen haben. Ich wünsche einen guten Appetit!

6 von 10 Michelinsterne

Wenn Du stirbst, zieht Dein ganzes Leben an Dir vorbei, sagen sie

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie - Lauren Oliver, Katharina Diestelmeier

Wenn Du den Buchtitel liest, dann ziehen einige Sekunden an Dir vorbei, sagt man. Im Englischen heißt das Buch übrigens kurz und knapp: "Before I Fall". Der deutsche Titel trifft die Handlung auf den Punkt. Nicht nur deswegen ist der Titel gut gewählt. Die Länge des Titels liegt noch dazu voll im Trend. Ich denke da nur an den Hundertjährigen, der .... ihr wißt schon was. Ein paar Worte zur Autorin "Lauren Oliver". Laut Aussage von Lauren, musste sie ein paar Jahre Übung in ihr Schreibhandwerk investieren, denn ihre ersten beiden Bücher wollte kein Verlag veröffentlichen. Den Verlagen waren diese Werke zu unstrukturiert. Mit dem vorliegenden dritten Versuch - welch Ausdauer - hat die Autorin dann einen Volltreffer gelandet. So ähnlich ergeht es auch der Hauptdarstellerin "Samantha". Samantha muss immer wieder von vorne beginnen und an sich arbeiten, um vielleicht irgendwann den entscheidenden Sprung nach vorne zu machen. Ein grandiose und verrückte Geschichte, dessen Grundidee einem vielleicht aus dem Film über das Murmeltier* schon bekannt ist. Das Buch hält ein sehr überraschendes Ende bereit und hat mir so gut gefallen, dass ich es in meine Favoritenliste aufgenommen habe. Außerdem wurde es nominiert für den deutschen Jugendbuchpreis 2011.

10 von 10 Kreuze

 

* "Täglich grüßt das Murmeltier"

 

Hummeldumm - Zu Hause ist es doch am schönsten

Hummeldumm: Das Roman - Tommy Jaud

Was macht man, nachdem man eine Afrikareise gebucht hat? Man liest auf keinen Fall das Buch "Hummeldumm". Schon zur Hälfte dieses Buches wird man in seinem Reisevertrag verzweifelt nach den Stornobedingungen suchen. "Hummeldumm" erzählt von den Erlebnissen einer Chaos-Reisetruppe in Afrika. Wenn Speckhut österreichelt, Seppelpeter fränkelt, Matze von Reiseadaptern träumt und Reiseleiter Bahee versucht, seiner durchgeknallten Reisegruppe das Land Afrika ein "bikkie" näher zu bringen, dann ist das keine Dokusoap auf RTL2, sondern ein Buch, bei dem ich (besonders gegen Schluß) aus dem Lachen nicht mehr rausgekommen bin. Wozu nach Afrika reisen und sich mit lauter mitreisenden Deppen umgeben, wenn man stattdessen dieses lustige Buch lesen kann? Für diese intelligente Sparmaßnahme gibt es von mir: 9 von 10 Punkte

Glück kommt selten allein - Schwein oder nicht Schwein

Glück kommt selten allein ... - Eckart von Hirschhausen

Es soll ja die ersten Bücher geben, die mit dem Aufkleber werben: "Garantiert ohne Vorwort von Dr. Eckart von Hirschhausen". Spätestens seit seinem enorm erfolgreichen Buch "Glück kommt selten allein" ist der Autor des Buches zu einem der beliebtesten Vorwortschreiber avanciert. Sein Glücksbuch wird auf dem Umschlag mit dem Satz beworben: "Garantiert 20% weniger Ratschläge als vergleichbare Bücher". Und es stimmt! Das Buch ist weniger ein Ratgeber als ein Unterhaltungsbuch, das auf humorige Art und Weise und mit kreativem Wortwitz das Thema "Glück" behandelt. Eine Zeit habe ich mich geweigert, diesen Millionenbestseller zu lesen, weil er nicht für den Kindle zu erwerben ist. Schließlich habe ich es mir als "Mängelexemplar" zum Schnäppchenpreis gekauft und war glücklich bevor ich überhaupt damit begonnen habe. Mission erfüllt!

Nach den ersten Seiten war mir schnell klar, warum es den Band nicht als E-Book gibt. Das Werk ist nämlich gespickt mit skurrilen Illustrationen, Bastelbögen und Bildern. So findet sich z.B. ein Rezept zum Backen von Glückskeksen und die Sprüche dazu gibt es zum Ausschneiden gleich dazu.

Fazit: Ein liebevoll gestaltetes und sehr lesenswertes Unterhaltungsbuch, für das man seinen E-Reader gerne beiseite legt.

9 von 10 Glücksschweinchen

Nerd Attack! - "Cracker" sind kein Salzgebäck

Nerd Attack!: Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook - Christian Stöcker

Vielleicht, weil ich mit der Biografie von Steve Jobs einen so spannenden ersten Einstand auf dem Kindle hatte, bin ich mit meinem zweiten Buch dem Thema "Computer und Technik" treu geblieben. Deswegen also "Nerd Attack". Das Buch handelt u.a. über Hacker, Cracker, Nerds und deren liebstes Spielzeug: Computer. Das ganze wird behandelt von der Steinzeit (70-iger und 80-iger) bis in die Neuzeit. Besonders geeignet ist dieses Buch für den Leser ab 30, der damit verschollene und lieb gewonnene Kindheitserinnerungen wiedererwecken kann. Für diejenigen, die hinter "C64" eine chemische Formel vermuten und nicht den meistverkauften Computer aller Zeiten und für alle, die bei "Cracker" an Salzgebäck denken, dürfte die erste Hälfte des Buches vielleicht nicht ganz so spannend zu lesen sein, weil der persönliche Bezug zu den Schilderungen fehlt. Aber spätestens bei den Kapiteln über Facebook und Google fühlt sich auch der jüngere Leser wieder angesprochen. Ein Buch für den computeraffinen Leser. Nicht nur für Nerds!

8 von 10 Käsecracker

Steve Jobs - Reif für die Klapsmühle

Steve Jobs: Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers - Walter Isaacson

Mein erstes Buch auf dem Kindle!! Ich fand es sehr spannend und war nach 3 Tagen durch. Steves Leben lieferte dem Autor enorm viel Stoff. Wenn er nicht Chef von Apple geworden wäre, wäre Steve Jobs mit seinen Marotten womöglich eines Tages in der Klapsmühle gelandet. Gut, dass der Schreiber vor Beginn des Buches mit dem aufbrausenden IGod ausgehandelt hatte, dass dieser keinen Einfluss auf das geschriebene Buch nehmen wird. Tatsächlich hat Steve nur das Umschlagsbild nach seinen Vorstellungen auswählen können. Hätte er das Buch gelesen, hätte ihn der Schlag getroffen. Er hat es nie gelesen und ist trotzdem kurz vor Veröffentlichung des Buches gestorben.

10/10 Punkte

Ich lese gerade

Brando: The Biography
Peter Manso
Delirium
Lauren Oliver, Katharina Diestelmeier